„Rudern ist mehr …“
Die Qualifikation Fachübungsleiter/-in C des Ruderverbands Schleswig-Holstein 2001

Aus Sicht einer Teilnehmerin

Da saß ich nun mit all den anderen mehr oder weniger wettkampforientierten „Freizeitsportlern“ – auf diese Bezeichnung hatten wir uns nach intensiver Diskussion am Vortag geeinigt – und wartete darauf, in den Prüfungsraum zu gehen. Obwohl ich bisher mündliche Prüfungen erfolgreich bestanden habe und wir doch alle wissen, dass bei dieser bestimmt nichts Schlimmes passiert – ich war furchtbar aufgeregt und hatte intensiv meine Unterlagen studiert und die Lehrgangswochenenden revuepassieren lassen. Betrübt hatte ich dabei feststellen müssen, dass ich nur zu einer recht oberflächlichen Kenntnis über Trainingspläne gelangt war und dass die Energiebereitstellung im Muskel mir wohl ein ewiges Rätsel bleiben wird. Doch ansonsten waren die Lehrgangswochenenden aus meiner Sicht ein Erfolg.

Die Referenten hatten überzeugende Inhalte geboten, z. B. ein Ruder-Leitbild, dessen Ausführung der Ruderer selbst per Videoanalyse anhand übersichtlicher Listen kontrollieren kann, und eine Lernliste, die ich im Sommer bei der Anfängerausbildung erproben will. Wir haben Grundlegendes über Training, Kraft und Ausdauer gelernt und Tipps zur Öffentlichkeitsarbeit erhalten (z. B. Hinweise zum Verfassen von Texten, die ich für diesen Artikel zu Rate gezogen habe). In Kleingruppen waren Wanderfahrten vorbereitet worden, von denen die eine oder andere bestimmt einmal von einem der Teilnehmenden veranstaltet wird.

Besonders einprägsam waren allerdings die praktischen Erfahrungen im Ruderboot und in der Halle gewesen. Wir hatten viele „kleine“ Spiele erprobt, die uns alle zum Schwitzen, Lachen und Nachdenken brachten (solche Aufgaben wie: Neun Menschen dürfen nur mit drei Füßen, zwei Händen und einem Po den Boden berühren!?). Sehr überzeugend war auch das für viele von uns neue Spiel Jokeiba (Regeln unter www.jokeiba.de).

Bei aller inhaltlichen Orientierung stand für mich die persönliche Begegnung mit den anderen Übungsleiteranwärter/-innen im Vordergrund. Wir waren eine gut gemischte Gruppe von 16 Teilnehmern. Als Akt der Völkerverständigung durften sogar zwei Niedersachsen und ein Weimaraner an diesem Lehrgang teilnehmen. Extremsituationen wie die Überschwemmung Schleswigs oder Zirkeltraining mit Elvis sind gemeinsam gemeistert worden, und abendliche Gespräche konnten zu philosophischen Dialogen führen, wie:
R.: „Diäten sind wie Religion.“
M.: „Ja, … und wie … Tellerränder … und Taschentücher.“

Da es sich bei diesen beiden Gesprächsteilnehmern um deutsche Schüler handelt, ist hiermit bewiesen, dass die Pisa-Studie völlig am geistigen Vermögen unseres Nachwuchses vorbeigegangen ist.

Neben solchen abendlichen Unterhaltungen waren durch unser gemeinsames Interesse am Rudersport und auch durch provozierende Thesen der Referenten („Niemand im Verein tut etwas umsonst.“) Diskussionen angeregt und die Motivationen, an diesem Lehrgang teilzunehmen, offengelegt worden. Ein paar Zweifel an meiner Berufung waren mir allerdings schon gekommen, als die umfangreichen Qualifikationen eines Übungsleiters auf ruderfachlichem, pädagogischem und organisatorischem Gebiet zur Sprache gebracht worden waren. Bin ich wirklich ein „Mensch für alles“? Auch die für meinen Geschmack zu hoch veranschlagten Ziele des Ehrenkodex für Trainerinnen und Trainer, wonach wir z. B. unsere Schützlinge „zum verantwortlichen Umgang mit […] der Mitwelt“ erziehen sollen, sind wohl nur sehr partiell durch ein paar Stunden Rudern pro Woche zu erreichen. Im Grunde geht es doch nur darum, dass wir alle Spaß am Rudern haben. Und die Freude am und die Faszination für das Rudern dürfen wir alle nach dieser Prüfung offiziell weitergeben.

Ich blickte meine Leidensgenossen auf dem Weg zum Prüfungsraum an und erinnerte mich an den Ausspruch eines Teilnehmers in der Diskussion über Leistungs- und Freizeitsport am Vortag: „Rudern ist mehr. Rudern ist – über die Grenzen hinauszugehen.“ – auch diese Prüfung würde ich überstehen.

Teilnehmer Fachübungsleiter 2001
von links nach rechts: Uwe Bendlage (Rudergruppe Geesthacht), Jutta Schapitz (Rudergruppe Geesthacht), Hauke Hinz (Lergangsteam), Gesa Voigt (Domschulruderclub Schleswig), Nils Feuchtner (Preetzer Ruderclub), Matthias Chlosta (Rudergesellschaft Germania Kiel), Lena Bittkowski (Germania-Ruderverein Eutin), Robert Schiro (Germania-Ruderverein Eutin), Christian Abendroth (Rendsburger Ruderverein), Katrin Ohltmann (Ruder-Gesellschaft Lauenburg), Sabine und Carsten Freytag (Möllner Ruder-Club), Christiane Heinrich (Ruderclub Kieler Förde), Wiebke Kohlwes (Ruderzentrum Uni Kiel), Martin Theuerkauff (Segeberger Ruder-Club v. 1926), Christian Behr (Segeberger Ruder-Club v. 1926), vorn: Reinhart Grahn (Lehrgangsteam), Daniel Nolte (Landesjugendleiter), Andreas König (Lehrgangsteam)

Wiebke Kohlwes

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