Medizinische Aspekte der körperlichen Aktivität bei Kindern und Jugendlichen

Dem Sport mit Kindern und Jugendlichen kommt aus medizinischer Sicht eine besondere Bedeutung bei der altersentsprechenden physischen und psychischen Entwicklung des Kindes und Jugendlichen zu. In diesem Zusammenhang hat die dosierte körperliche Aktivität im schulsportlichen Unterricht und im außerschulischen Sport folgende Hauptaufgaben:

  • Setzen von notwendigen Bewegungsreizen zur altersentsprechenden Entwicklung der Leistungsfähigkeit des aktiven und passiven Bewegungsapparates (Muskulatur und Knochen-Bandapparat) sowie der Transportsysteme (Atmung, Herz-Kreislauf),
  • Vorbeugung gegen Bewegungsmangelkrankheiten und ihre Folgeerscheinungen,
  • Vermittlung von Kenntnissen und Verhaltensweisen zur Alltagshygiene,
  • Anregung zur sportlichen Aktivität im Freizeitbereich über die Kind- und Jugendzeit hinaus bis ins hohe Alter.

Bewegungsmangel fördede besonders bei Kindern die Entstehung von sog. Bewegungsmangelkrankheiten. So finden sich bei Heranwachsenen häufig

  • Fehlhaltungen und Fehlstellungen am Skelettapparat,
  • Leistungseinbußen am Herz-Kreislauf- und Atmungsapparat und
  • Adipositas (Fettleibigkeit).

Bewegungsmangel kombiniert mit Überernährung, die durch das Übergewicht den Bewegungsmangel weiter fördert, reduziert besonders die Leistungsfähigkeit der Skelettmuskulatur, die Haltefunktionen zu erfüllen hat (Rücken- und Bauchmuskulatur). Diese Muskeln weisen eine geringere Kraft und besonders eine verminderte Haltedauer auf. Die zunächst funktionellen Fehlhaltungen führen bei längerem Bestehen auch zu anatonisch fixierten Fehlstellungen des knöchernen Teils des Halteapparates.

Am Lungen-Kreislauf-System kommt es bei Bewegungsmangel zur Verringerung der maximalen Sauerstoffaufnahme und des maximalen Atemminutenvolumens. Das Herzvolumen ist relativ klein. Herzminutenvolumensteigerungen werden bei zusätzlich verkleinertem Schlagvolumen hauptsächlich durch eine noch stärkere Herzfrequenzzunahme erreicht.

Zusätzlich zeigen diese chronisch körperlich inaktivierten Kinder häufig Schlafstörungen, frühzeitige Ermüdungserscheinungen und »nervöse« Überreiztheit mit folgendem allgemeinen Leistungsabfall sowie Schwierigkeiten im sozialen Bereich. Definiert man Gesundheit als individuelle Leistungsfähigkeit, die über längere Zeiträume stabil bleibt und bei regelmäßiger Belastung Effizienzsteigerung zeigt sowie zum seelischen und sozialen Wohlsein beiträgt, so sind diese Kinder schon nicht mehr gesund.

Allerdings genügt es nicht allein, die tägliche Bewegungsstunde für das Schulkind zu fordern, ohne sportmedizinisch begründete Angaben über den Inhalt der Sportstunde zu machen. Aus sportmedizinischer Sicht gilt es besonders, die verminderte Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems und der Skelettmuskulatur zu entwickeln. Das bedeutet altersentsprechend dosiertes Ausdauer- und Krafttraining. Einige der wesentlichen Empfehlungen lauten:

  • Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem biologischen Alter, das aus Körperhöhe und Körpergewicht zu schätzen ist, zu belasten. Negative Einflüsse auf das Wachstum der gesunden Kinder, z.B. durch einen intensivierten Schulsport, sind nach neueren Untersuchungen nicht zu befürchten.
  • Ältere Kinder und Jugendliche sind gut ausdauerbelastbar und ausdauertrainierbar. Aufgrund der großen sportmedizinischen Bedeutung der aeroben dynamischen Ausdauer sind die Kindr und Jugendlichen 2–3 mal wöchentlich etwa 15-30 Minuten lang mit der Dauermethode oder extensiven Intervallmethode bei einer Herzfrequenz zwischen 150-170 Schlägen/Minute zu belasten. Dabei sind dynamische Belastungen großer Muskelgruppen zu bevorzugen, wie sie beim Laufen, Schwimmen und Rudern stattfinden.
    Überforderungen (Herzfrequenz längerdauernd > 190 Schläge/Minute) und Unterforderungen (Herzfrequenz < 130 Schläge/Minute) sind dabei zu vermeiden.
    Ausdauerbelastungen bei Umgebungstemperaturen von mehr als 25–28 Grad C, bei hoher Luftfeuchtigkeit (mehr als 80%), bei hohen Ozonkonzentrationen der Luft und unmittelbar nach Mahlzeiten sollten nicht durchgeführt werden.
    Die Monotoniegefahr bei Dauerbelastungen ist durch abwechslungsreiche Übungsgestaltung zu verhindern, z.B. durch Hindernisbahnen, methodische Reihen in Zirkelform mit längeren Laufstrecken und kleinen Mannschaftsspielen mit ständiger Bewegung jedes Schülers.
  • Die Schnellkraft der Extremitätenmuskulatur ist sportartbezogen in Sprint und Sprung zu entwickeln.
    Häufig bestehen auch bei Kindern muskuläre Dysbalancen mit Kraftdefiziten im Bereich der Bauch- und Gesäßmuskulatur, des breiten Rückenmuskels und Verkürzungstendenzen der Oberschenkel- und Wadenmuskulatur. Hier sind gezielt Kräftigungs- und Dehnübungen notwendig.

Abgesehen von den Schwierigkeiten, die sich Sportlehrer, Übungsleiter und Trainer aus der Größe der zu betreuenden Gruppe und durch Mängel an den Sportanlagen oder Sportgeräten ergeben, werden sie noch mit der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Kinder konfrontiert, die auch krankheitsbedingt sein kann. Dabei werden sie kaum Kinder mit solchen Erkrankungen zu Gesicht bekommen, bei denen primär ein Bewegungsmangel besteht wie schwere deformierende Gelenksentzündung oder fortschreitender Muskelschwund. Im Vordergrund werden solche Erkrankungen stehen, bei denen der Bewegungsmangel sekundär auftritt. Oft entsteht der Bewegungsmangel erst durch die Angst der Eltern oder des erkrankten Kindes vor möglichen Komplikationen: aus Angst vor Anfällen bei Kindern mit Bronchialasthma, bei Diabetikern aus Angst vor hypoglykämischen Schockreaktionen, bei fettleibigen Kindern durch die mechanische Behinderung und die soziale Diskrinierung. Unwissenheit über die Reaktion des kranken Kindes auf Belastung und eine gewisse Überängstlichkeit (Overprotection) der Eltern versrärken den Bewegungsmangel.

Sportpädagogen und Trainer haben unter medizinischen Gesichtspunkten die Aufgabe, bei Schülern Verhaltensänderungen einzuleiten, die über das Schulalter hinaus zu lebenslangem Sporttreiben führen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das Gesundheitsbewußtsein offensichtlich nicht das Hauptmotiv für eine lebenslange sportliche Aktivität ist. Spaß bei der sportlichen Betätigung und Erfolgserlebnisse im individuellen Vollzug bestimmter Bewegungsabläufe sind vorrangige Motive für eine regelmäßige körperliche Aktivität über längere Zeiträume hinweg.

Literatur

  • de Marées, H. (2003). Sportphysiologie (9. Aufl.). Köln: Sport und Buch Strauß.
  • Weineck, J. (2009). Optimales Training: Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings (16. Aufl.). Balingen: Spitta.

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